Oelvogelhilfe Germany e.V.
 
 
Ölpest im Golf von Mexiko
In der Nacht des 20. April riss eine Gasexplosion auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ elf Arbeiter in den Tod. Nachdem die etwa 70 Kilometer vor der Küste Louisianas positionierte Ölbohrinsel eineinhalb Tage lang lichterloh brannte, versank sie schließlich am 22. April im Golf von Mexiko. Über die genaue Ursache der Explosion und die Frage, warum mehrere Schutzmechanismen nicht funktionierten gibt es verschiedene Theorien. Fakt ist jedoch, dass die Explosion die Bohrrohre zerstörte und nun aus mindestens drei Stellen tagtäglich etwa 700 Tonnen Rohöl austreten. Aller Voraussicht nach wird erst ein ausführlicher Untersuchungsbericht die genauen Umstände des Unglücks enträtseln…
 
Die Ölpest wurde mittlerweile zur nationalen Katastrophe erklärt und nun arbeitet neben Tausenden freiwilligen Helfern und den beheimateten Fischern auch das Militär tatkräftig mit, um mögliche Folgen für die Natur und Tiere zu minimieren. Neben Louisiana sind auch Mississippi, Florida und Alabama von der Ölpest betroffen. Der Ölkonzern British Petroleum (BP) der die Bohrinsel geleast hatte, übernahm derweil die volle Verantwortung. Die Katastrophe wird BP mehrere Milliarden US-Dollar kosten.
Der Einsatz von Ölbekämpfungsschiffen musste aufgrund starken Wellengangs zwischendurch eingestellt werden, und auch Ölsperren wurden teilweise vom starken Seegang einfach überspült. Auch das Abbrennen des Ölteppichs sowie der Einsatz von Dispersionsmitteln hatten nicht den gewünschten Erfolg.
Verschiedene Methoden werden derzeit erwogen, um den Ölaustritt zu minimieren bzw. zu beenden. Besondere Hoffnung schöpft man durch die Konstruktion eines tonnenschweren Trichters, der über die Ölaustrittsöffnungen gestülpt werden soll, um das auslaufende Öl abzufangen und abzusaugen. Ob dieses Vorhaben gelingen wird, werden die nächsten Tage zeigen.
Das sumpfige Mündungsdelta des Mississippi mit seiner hochsensiblen und einzigartigen Flora und Fauna ist eines der betroffenen Gebiete. Gerade jetzt zur Brutzeit sind zahlreiche Vogelarten vorzufinden. Aber auch Meerestiere wie Schildkröten, Seekühe, Delfine, Wale und Fische haben mit dem Öl im Wasser zu kämpfen.
Die Katastrophe der „Deepwater Horizon“ ist bei Weitem nicht die Einzige ihrer Art. In der Vergangenheit gab es bereits weitere, tragische Unfälle auf Bohrinseln. So starben beispielsweise 1988 bei einer Explosion knapp 200 Menschen auf einer Bohrinsel in der Nordsee.



Die Rettung von verölten Tieren
Mehrere spezialisierte Tierschutzorganisationen sind vor Ort, um Vorbereitungen zu treffen, damit verölt aufgefundenen Wildtieren - allen voran Seevögeln - schnell und professionell geholfen werden kann. In Amerika gibt es spätestens seit der verheerenden Havarie des Tankers „Exxon Valdez“ im Jahr 1989 ein gut funktionierendes Netzwerk solcher Organisationen.
Dennoch muss an dieser Stelle gesagt werden, dass stets bei jeder Havarie mit Ölaustritt nur ein geringer Prozentteil der gesamtbetroffenen Tiere überhaupt einer Rehabilitation zugeführt werden kann, da der Großteil der verölten Wildtiere unbemerkt auf See verstirbt.  
Die Rettung und Rehabilitation verölter Meerestiere unterliegt einer Vielzahl von Parametern. Leider wird oftmals die völlig falsche und pauschalisierte Aussage getätigt, dass man verölte Wildtiere besser töten als rehabilitieren sollte, um ihnen die Leiden zu ersparen. Außer Frage steht, dass es sich bei solchen Rehabilitationsmaßnahmen um eine komplexe und kostenintensive Angelegenheit handelt.
Die Erfolgschancen bei der Rehabilitation verölter Meeresvögel haben sich jedoch in den vergangenen Jahren stark erhöht und dank eines stetigen, internationalen Erfahrungsaustausches und wissenschaftlicher Zusammenarbeit gibt es immer positivere Erfahrungen bei der Behandlung verschiedenster Arten.
In vielen Ländern ist die Rettung verölter Wildtiere mittlerweile nicht nur selbstverständlich, sondern unter Berücksichtigung des Tierschutzrechts sogar Pflicht. Auch in Europa zeigt sich der deutliche Trend, dass die Rettung ölverschmutzter Wildtiere mehr und mehr Bestandteil der nationalen Notfallpläne wird.
Neben der staatsbürgerlichen Selbstverpflichtung zur Ethik und Moral ist dies ein zukunftsweisendes Zeichen, dass die volle Verantwortung für menschliches Verschulden übernommen wird.
 
Kann solch eine Katastrophe auch in Deutschland passieren?
Derzeit gibt es in der Nordsee etwa 450 Bohrinseln. Die meisten Öl- und Gasvorkommen befinden sich in norwegischen und britischen Meeresbereichen. Doch auch in dänischen, deutschen und niederländischen Sektoren wird nach Rohstoffen gebohrt. Es besteht somit jederzeit die Gefahr, dass ein Unglück passiert.
Der Schiffsverkehr auf der Ostsee nimmt ebenfalls seit Jahren stetig zu und auch in der Nordsee mit dem viel befahrenen Nadelöhr Ärmelkanal kann tagtäglich ein großes Schiffsunglück passieren. Doch allein ohne spektakuläre Havarien gelangen alljährlich etwa 300 000 Tonnen Öl in Nord- und Ostsee. Dieses Öl entstammt in erster Linie aus illegalen Einleitungen aus der Schifffahrt sowie über Abwässer aus den zufließenden Flüssen. Aber auch von Bohrinseln gehen zeitweise Verölungen aus.  
Das international gültige MARPOL-Übereinkommen soll die Verschmutzung der Meere durch Öl aus dem Schiffsverkehr verhindern. Doch die Praxis sieht leider anders aus. Unzählige illegale Einleitungen werden alljährlich registriert, und nur ein geringer Bruchteil von Ölsündern kann gefasst werden.
Vergleicht man die etwa 300 000 Tonnen Öl, die alljährlich in Nord- und Ostsee gelangen mit bekannten Tanker-Havarien, wird einem schnell klar, um welche Größenordnung es sich hierbei handelt:
 
„EXXON VALDEZ“   Alaska   1989   ca. 42 000 Tonnen Öl Rohöl
„SEA EMPRESS“   Wales   1996   ca. 70 000 Tonnen Öl Schweröl                                                            
„ERIKA“   Bretagne   1999   ca. 30 000 Tonnen Schweröl
„PRESTIGE“   Galicien   2002   ca. 77 000 Tonnen Schweröl
 
Das deutsche Wattenmeer ist ein besonders sensibles Ökosystem. Nicht umsonst wurde es erst kürzlich zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt. Welche Auswirkungen eine Ölpest in diesem Gebiet mit sich bringt, erfuhr man spätestens im Jahr 1998, als der Frachter „Pallas“ brennend auf eine Sandbank vor Amrum lief und sich ca. 70-90 Tonnen Schweröl in die Nordsee ergossen. Seinerzeit verloren ca. 16 000 Seevögel ihr Leben.
(Auch hier noch einmal ein Vergleich: 70 Tonnen ist 1/10 der Menge, die gerade tagtäglich im Golf von Mexiko ausläuft)
Das deutsche Wattenmeer kann grob mit dem sumpfigen Marschland vor Louisianas Küste verglichen werden. Eine Bergung oder Beseitigung des Öls ist sehr schwierig, da die Gefahr besteht, dass man das Öl bei der Beseitigung nur noch tiefer in die weichen Bodenschichten einbringt.
Es muss zukünftig alles dafür getan werden, um bestmögliche Schiffs- und Bohrinselsicherheit zu gewährleisten. Auch die illegalen Einleitungen müssen durch strengere Maßnahmen und verschärfte Strafen minimiert werden. Die Verschmutzung der Meere durch Öl ist ein Problem, welches augenscheinlich zuerst die Meeresbewohner und die Meeresumwelt betrifft. Doch alle gesundheitsgefährdeten Stoffe gelangen letztendlich durch die Nahrungskette zurück zu den Menschen ...
 
TEXT: Sascha Regmann, Project Blue Sea und PRO Bird Partner